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Tierschutz
und Öffentlichkeit
"Polemik gegen Tierschützer/Tierrechtler"
Abdruck mit freundlicher Genehmigung von B. Mütherich
Diese
wertvollen Inhalte wurden zwar an mich direkt gesendet, allerdings
finde ich, dass diese Gedanken einer breiteren Öffentlichkeit
zugänglich gemacht werden sollen. Herzlichen Dank an Frau Mütherich
für die Erlaubnis, diesen Text zu verbreiten.
Gerade
im Hinblick darauf, dass eines der "Killerargumente" gegen
Einzelpersonen oder auch ganze Gruppe unserer "Szene"
immer wieder ist, dass man sich doch erst einmal für Menschen
und dann für Tiere einsetzen solle, finde ich es außerordentlich
wichtig, darauf hinzuweisen, dass Tierschützern/Tierrechtlern
diese Missstände sehr wohl bekannt sind.
Hier
eine kleine Auswahl von Beispielen von Beiträgen in den Medien,
die einfach nicht kommentarlos hingenommen werden dürfen:
-
12.01.04:
Tierrechtsorganisationen werden in Bausch und Bogen als blinde
Fanatiker in Szene gesetzt - Polylux-Beitrag: "Durchgeknallte
Tierschützer" Link
zum Polylux-Beitrag, RBB/ARD
-
10.01.04:
Journalistische Attacke auf TierrechtlerInnen und VeganerInnen
Link
zur "WELT", Axel Springer Verlag
-
23.10.03
ff.: Verunglimpfung bei Panorama - " Der Holocaust auf
Deinem Teller - Zynische Vergleiche von Tierschützern"
Link
zur ARD
-
20.10.03:
"Gruppen militanter Tierfreunde haben einen heißen
Herbst begonnen" - Tierschutz-Eintopf bei der Kölnischen
Rundschau
-
14.10.03:
Von militanten Aktivitäten und krimineller Energie - Panikmache
in den Salzburger
Nachrichten
Der
untenstehende Text bezieht sich auf eine Aussendung von mir an die
"Deutsche Welle", die unreflektiert über die Hochschule
berichtet hat, an der nun Stierkampf als akademisches Fach eingeführt
wurde.
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| 24.01.04 |
So
zutreffend Ihre Kritik an dem besagten Einzelbeitrag und den sich
häufenden Medien-Polemiken gegen Tierschützer und Tierrechtler
ist, so muss ich doch in einem Punkt eine kleine Korrektur zu Ihrem
Brief anfügen. Sie schreiben mit Blick auf negative Traditionen
und den Fortschritt im gesellschaftlich-zwischenmenschlichen Bereich
"[...]
in Bezug auf den Artgenossen macht der Mensch wohl auch Fortschritte
- so gibt es weder Kinderarbeit noch Menschenhandel noch Steinigungen
oder Hexenverbrennungen.[...]" (Anmerkung: Übrigens
habe ich den Teil, bei dem es um die intraspezifischen (Mensch/Mensch)
Beziehungen geht, geändert, bevor ich ähnliche Briefe
an Sachsen im Netz, Süddeutsche.de, kurier.at, Basler Zeitung
online, web.de, krone.at, Mitteldeutsche Zeitung, stern, t-online,
n24 und an die studentenpresse gesendet habe.)
Auf
Grund meines Berufes und entsprechender Studien muss ich Sie leider
(auch) diesbezüglich enttäuschen:
- Die
sklavenförmige Kinderarbeit (inkl. Schuldsklaverei von einer
auf die andere Generation) nimmt in den Ländern des Südens
und in Asien rapide zu
-
der Menschenhandel gedeiht weltweit und grassiert nicht nur besonders
stark in Asien sondern auch und besonders zwischen Ost- und Westeuropa
(Verschleppung von Hunderten junger Frauen und Kinder, verbunden
mit Misshandlungen, Einsperrungen, Zwangsprostitution und dem
völligen "Verschwinden" "unwilliger"
oder nicht mehr lukrativer weiblicher und kindlicher Sex-Sklaven/-Sklavinnen)
-
Auch andere Formen der "intraspezifischen" Ausbeutung
(Verkauf von Kindern durch eigene Eltern, Ermordung von Straßenkindern
und "Ausräumung" auf Bestellung für den illegalen
europäischen Organhandel etc.) sind im Zuge der "Globalisierung
des Elends" wieder mächtig auf dem Vormarsch
-
Sogar die Steinigungen und Hexenverbrennungen, wenn auch nicht
im Umfang mit denen der Frühneuzeit vergleichbar, existieren
auch heute und verzeichnen aktuelle Zunahmen
- Neben
realen Einzelsteinigungen für Ehebrecherinnen (die mit Hilfe
der Scharia wieder allgemeingültig werden sollen) werden
zunehmend mehr junge Frauen in Pakistan und Indien im Rahmen so
genannter "Mitgiftmorde" von Mitgliedern der Gattenfamilien
mit Benzin überschüttet und angezündet; diese Morde
werden von den Behörden kaum verfolgt, nur kleine, machtlose
Frauenorganisationen bemühen sich um Schutz für Bedrohte
oder Klagen gegen die Täter und Familien
So
sehr wir als Tierrechtler das Argument eines relativen historischen
Fortschritts nach außen auch ins Feld führen sollten,
so wenig sollten wir andererseits übersehen, dass die kodifizierten
Menschenrechte eher dem Anspruch nach denn in der Realität
existieren und dass die neue neosozialdarwinistische globale Wirtschafts-
und Machtpolitik dabei ist, das Rad der Geschichte weiter zurückzudrehen.
Dieser
Umstand ist auch besonders wichtig für die Tierrechtsfrage,
da die Chance der Durchsetzung tierlicher Individualrechte mit der
Unhinterfragbarkeit und Akzeptanz der realisierten Menschenrechte
verknüpft ist. Ich
führe vieles, was in den Medien an Polemik, Verulkung und Spott
gegenüber der Tierrechtssache anzutreffen ist, u. a. darauf
zurück, dass in immer mehr Teilbereichen auch die auf den Menschenrechtsstatus
bezogenen gesellschaftlichen Normen erodieren.
Insofern
haben alle, die sich für den Schutz und die Rechte von Wehrlosen
und/oder Schwächeren einsetzen, gegenwärtig keine leichte
Aufgabe, und als (Auch-)Tierrechtler haben wir wohl - zumindest
für westliche Verhältnisse - die allerschwerste, weil
die Gruppe der Profiteure und Mitläufer/Konformisten die bei
weitem größte ist.
Ich
persönlich finde es wichtig, dass sich TierrechtlerInnen auch
mit den neuen politischen Bedingungen und den daraus resultierenden
dramatischen sozialen Konsequenzen auseinandersetzen, denn Ausbeutung
und bestimmte Formen der bewussten, teilweise auch kommerziell genutzen
Grenzüberschreitung (z. B. perfidere Gewalthandlungen, neue
Motivlagen) sind immer Teil eines gesellschaftlichen Gesamtzusammenhangs,
wenn auch die Dimensionen und Muster bei menschlichen und tierlichen
Opfergruppen zumeist unterschiedlich sind. Aber
der sich verschärfende Widerspruch ist in Bezug auf beide Gruppen
erkennbar: Die qualitative und quantitative Intensivierung von Ausbeutung
auf der einen Seite und ein wachsender Widerstand, verbunden mit
einem hohen Anspruchsniveau bezogen auf Rechteerweiterung und Schutzmaßnahmen,
auf der anderen Seite. |